Die Affekte der Forscher

Affekte bei Forschern sind suspekt [*]. Sie werden als Störungen betrachtet, die eine objektive Arbeit gefährden. Allenfalls gelten sie als Randphänomen, das nur von anekdotischem, biographischem oder künstlerischem Interesse sein kann. Viele Disziplinen haben sie aus ihrem Diskurs ausgeschlossen. Unsere Ausgangsannahme dagegen ist, dass Emotionen zwangsläufig den Forschungsprozess beeinflussen, von der Wahl des Gegenstandes über die Positionierung des Forschers und die Generierung von Daten bis zur Interpretation der Ergebnisse und zur gesellschaftlichen Vermittlung, und dass ihre kritische Analyse Bestandteil wissenschaftlicher Tätigkeit sein sollte. Anstatt sie auszublenden oder als Esotericum aufzufassen, sollen sie systematisch für die Wissenschaft und für deren Verständnis produktiv gemacht werden.

Insbesondere die Feldforschung (eines Sozial- und Kuluranthropologen, eines Reiseschriftstellers, eines Primatologen im Freiland) löst regelmäßig eine Reihe von Affekten aus, welche die Beobachtung bedingen, das Verständnis beeinflussen und die Theoriebildung lenken. Feldforschung in ihren diversen Erscheinungsformen, so unsere weiterführende Annahme, kann als Paradigma für die Affekte von Forschern generell dienen, weil nur sie ein umfangreiches Corpus von Selbstaussagen hervorgebracht hat (Tagebücher, Berichte, Notizen und andere Dokumente), die wir exemplarisch studieren können.

Auf der Grundlage dieses Materials führen wir Sozial- und Kulturanthropologie, Psychologie und Literaturwissenschaft zusammen und verbinden so Sozial-, Geistes- und Naturwissenschaften miteinander, wobei die wesentliche Schnittstelle zwischen diesen drei Disziplinen die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Formen der Feldforschung darstellt. Parallel zu einer Analyse von Emotionen in zeitgenössischen Texten (Reiseliteratur, Ethnographien, Primatologenberichte) erheben wir mit Hilfe qualitativer und quantitativer Methoden die affektiven Reaktionen professioneller Beobachter im Feldforschungsprozess.

Die Interaktionen zwischen Beobachtern und ihren Forschungsobjekten beschränken sich dabei nicht auf Menschen, sondern durch die Beteiligung der Primatologie wird die Arbeit mit nichtmenschlichen Primaten mit einbezogen. Ziel dieses interdisziplinären Projektes ist es, die Rolle von Emotionen in der Wissenschaft zu erforschen und dabei zu untersuchen, wie subjektives Erleben von Emotionen objektiv erfasst werden kann. Dabei werden die Emotionen der Forscher nicht nur aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven betrachtet, sondern neue Methoden und Modelle der Wissensproduktion fächerübergreifend entwickelt und empirisch getestet.

Weiterhin sollen der Einfluss von Emotionen auf die Forschenden nicht nur während des Aufenthalts im Feld bei der Generierung und Aufzeichnung von Daten, sondern auch auf die sich anschließenden Auswertungs-, Interpretations- und Schreibprozesse bei der Analyse und Präsentation von Daten untersucht werden.

[*] Die Begriffe 'Affekt' und 'Emotion' können, eingedenk ihrer feinen Nuancen, zunächst synonym verstanden werden. Aus pragmatischen Gründen werden im Folgenden zudem generische Maskulina verwendet; die weiblichen Formen werden jedoch stets mitgedacht.