Bewegte Identitäten: Verwandlung und Affekt in der modernen deutschen Literatur

Mitarbeiter/innen:

 

Was sind Emotionen? Sind sie fremde Bedrohungen, tierisches Drängen, kognitive Bewertungen oder freischwebende Intensitäten? Das Projekt untersucht historische Emotionsmodelle auf die Frage hin, wie Emotionen das Selbst konstituieren.

Projektnr.: G 215

Tara Beaney

Verwandlungen, die in der Literatur als radikale Veränderungen des Körpers zu verstehen sind, stellen die Identität einer Person in Frage sowie auch Konzepte der Menschheit, des sozial und kulturell geformten Individuums oder des körperlichen Leibs. Als Ausdruck des wandelbaren Selbst sind literarische Verwandlungen meist mit starken Emotionen besetzt, darunter sowohl Horror und Ekel über das Anderswerden, als auch die Sehnsucht nach der Verwandlung. Das Projekt untersucht diese Affekte um Einsicht darin zu erlangen, wie instabile Identitäten erlebt werden und wie sozio-kulturelle Modelle des Selbst und deren Emotionen in der Literatur gezeichnet sind.

Das Projekt basiert auf einem Korpus ausgewählter literarischer Texte der deutschen Sprache von der Romantik bis zur Gegenwart und untersucht, wie diese affektiv mit dem Topos der Verwandlung umgehen. So wird mit Blick auf Verwandlungstexte von E.T.A. Hoffmann gefragt, in welchem Verhältnis die extremen Emotionen dieser Darstellungen zu der Entstehung eines modernen Ichs stehen. Darauf folgt eine Untersuchung von Franz Kafkas Verwandlungsgeschichten mit Schwerpunkt auf dem sprachlosen Zustand des Tierseins und dessen affektiven Potentials. Über diese kanonischen Texte hinaus werden Werke von Autorinnen des späten 20. Jahrhunderts herangezogen. Die Analyse konzentriert sich hier zunächst auf eine Untersuchung zweier Geschichten von Marie Luise Kaschnitz und Jenny Erpenbeck, in denen sich jeweils ein Mädchen verwandelt. Im Vordergrund steht in beiden Darstellungen die Unterdrückung negativer Affekte sowie die Idee der Verwandlung als zeitlicher Abbruch, welcher eine Konfrontation mit unerwünschten Vergangenheiten erzwingt. Das Projekt schließt mit einer Analyse ausgewählter Werke von Yoko Tawada, in denen flüssige Identitäten und sich verwandelnde Körper eine große Rolle spielen und der Identitätsverlust nicht mehr verantwortlich für negative Affekte ist.

Indem das Projekt die affektiven Prozesse von Verwandlungen untersucht, trägt es dazu bei, historische Wandlungen sozio-kultureller Modelle des Selbst und deren Emotionen zu verstehen. Zugleich leistet es auch einen Beitrag zum Verständnis der Funktion des literarischen Topos der Verwandlung sowie zu Fragen nach der Rolle von Emotionen bei der Konstruktion von Identitäten.

Disziplin

Literaturwissenschaft

Betreuer

Prof. Dr. Stefan Keppler-Tasaki

Prof. Dr. Jutta Müller-Tamm